Böse Bilder, liebe Bilder

10. Januar 2017, Text von Birgit Grimm

Das Jahr fängt gut an. Felix Lippmann arbeitet an einem Auftragsbild. Es ist eine Landschaft in der Sächsischen Schweiz, großes Format, helle Farbtöne und eine Wiese im Vordergrund. Im Hintergrund sind der Falkenstein und die Schrammsteine zu erkennen. Der Künstler will nicht nur den Auftrag zur Zufriedenheit der Auftraggeber erfüllen, er hat sich selbst eine Aufgabe gestellt, die darüber hinausgeht: Er will das gelbgrüne Flirren der Wiese, die besondere Stimmung, die er an einem Spätsommerabend zwischen Gohrisch und Papststein erlebte, in seiner Malerei zurückholen. Ein Foto hat er gemacht an jenem Abend. Mehrmals war er dort. Zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten. Lippmann ist keiner von der schnellen, flüchtigen Sorte. Er will mit einer Landschaft vertraut sein. „Was ich vor Ort skizziere, ist doch nur eine Behauptung, ein Abbild. Erst im Atelier wird es zu einem Bild“, sagt er. Noch hat Lippmann keine endgültige Lösung. Aber eins weiß er: „Es wird ein liebes Bild.“ Schmunzelnd legt er die Pinsel aus der Hand und zieht die grünen Handschuhe aus. Gibt es auch böse Bilder? „Oh ja, die gibt es. Ein liebes Bild darf im Wohnzimmer hängen.“

Große Formate sind Sport

Die „bösen“ Bilder sind Dunkelstücke. Darauf fängt er Stimmungen ein, die sich ergeben, wenn er Nachrichten zur Kenntnis nimmt, darüber nachdenkt, wie die Gesellschaft auseinanderdriftet und wie Politiker um die Probleme herumreden, statt sie zu lösen. Die Wahl in den USA ist ein Thema, das ihn umtreibt. Da reichen dann Farben, Formen, Flächen nicht. Worte müssen her. Parolen mag er nicht. Eher Denkanstöße. Man kann grübeln, was der Künstler meint, wenn er in weißen, zittrigen Buchstaben „Skills“ auf ein schwarzes Blatt mit grünen spitzen Zacken schreibt. Was macht er da mit sich aus? Wessen Qualitäten oder wessen Unfähigkeiten hat er im Sinn, wenn er mit diesem Wort ein Bild abschließt? Oder will der Künstler nur sagen: Schaut her, das ist Kunst!

Skill, dieses kurze englische Wort, hat mehrere Bedeutungen. Und Lippmanns Schaffen umfasst nicht nur die Landschaftsmalerei und die Reihe „paint it black“, zu der „Skills“ und andere Schriftbilder gehören. An den weißen Atelierwänden im ehemaligen Sachsenwerk in Dresden-Niedersedlitz hängen zwei weitere großformatige Bilder. Die sind wesentlich freier als die Auftragslandschaft, sind nur Fläche, Form, Farbe. Kein Ort. Kein Baum. Vielleicht ein Haus. Vielleicht ein Fels. In einem Gemälde sind ein Hashtag und andere Zeichen zu erkennen. An allen drei Gemälden arbeitet er parallel. „Die großen Formate sind wie Sport“, meint er. „Einfach machen.“ Er mag es, die Dinge auch mal laufen zu lassen. Denn genau das tut er, wenn er abstrakt arbeitet. „Dabei bin ich wie in einem Flow. Erst im Nachhinein schaue ich mir an, was da auf der Leinwand los ist. Ich beginne ohne Vorzeichnung, ohne Plan im Kopf, wie das fertige Bild aussehen könnte.“ Da wahre Malerei mit Rumklecksen nichts zu tun hat, ist es für Lippmann jedes Mal „schlimm, vor einer weißen Leinwand zu stehen. Es dauert mitunter Tage, bis ich anfange. Ich denke, am ehrlichsten ist die Malerei im Unbewussten. Aber ich wäre wirklich unglücklich, wenn ich ausschließlich abstrakt malen würde.“

Ein stiller Arbeiter

Angefangen hat es bei Felix Lippmann mit grafisch gestalteten Schriften, die er in der Schule aufs Papier kritzelte. Immer nur aufs Papier? Als Fünfzehnjähriger? Hat es ihn nie gereizt, solche Lettern an Brandwände, Unterführungen, stillgelegte Industriehallen zu sprayen? „Nö. Ich war schon immer ein stiller, heimlicher Arbeiter“, meint er schmunzelnd. Ihn interessierte schon damals an der Schrift sowohl die grafische als auch die inhaltliche Ebene: Hier ein Wort, das man gut lesen kann. Dort Buchstaben, die keinen Sinn ergeben.

Mit dem Abitur hatte der junge Dresdner die Bewerbungsmappe für die hiesige Hochschule für Bildende Künste schon fertig. Er wurde sofort genommen. Ein sehr direkter Weg. Dass er ihn geht, hat er noch keinen Tag bereut. Er war sehr jung damals, manche Kommilitonen waren zehn Jahre älter. Rückblickend meint Lippmann: „Vielleicht wäre es gut gewesen, vor dem Studium ein paar Jahre künstlerisch als Autodidakt zu arbeiten.“ Bei seiner Professorin Elke Hopfe fand er, was ihn auf seinem Weg voranbrachte: den Austausch über das Bildermachen. Farbe. Form. Fläche. „Es ist nicht einfach, ein Bild so zu klären, dass es gut gemalt ist“, sagt er. „Jedes Mal stehe ich vor einer Vielzahl offener Fragen, zweifle, verwerfe, zerstöre, male es neu.“ Seiner Ansicht nach gibt es eine universelle Wahrheit, gibt es Maße oder vielleicht auch ein Gleichmaß, das den Menschen berührt. Dieses Maß findet er sowohl, wenn er eine Berglandschaft malt als auch in einer abstrakten Komposition.

Manchmal zwingt er die Berge nicht in die Fläche, sondern lässt sie erhaben auf der Leinwand thronen. Dafür türmt er Farbe auf. Kleine Formate sind das. „Lang wachsende Bilder. Irgendwann ist es dann so weit, dass ich denke: Ja, jetzt kannst du was draus machen.“

Überwiegend Unfertiges im Atelier

Leben kann der 34-Jährige davon nicht. Er arbeitet nebenbei im Programmkino Ost an der Kasse. Der Job macht ihm Spaß, aber sein eigentlicher Lebenszweck bleibt die Malerei. Manche verlassen als Shootingstars die Hochschule, gewinnen einen wichtigen Preis nach dem anderen, haben Ausstellungen, Kataloge. Lippmann hat sich nach dem Studium ständig an Ausschreibungen beteiligt, ein Stipendium in Salzburg bekommen und den Heise-Kunstpreis, den in Dessau ein kunstsinniger Autohändler ausgelobt hat. „Man muss dranbleiben, auch wenn es nicht läuft“, sagt er und meint nicht die Wettbewerbe, sondern das Malen. Inzwischen wird er von der Galerie Oben in Chemnitz vertreten und von der Galerie Bueffelfish in Dresden, die Lippmanns Malerei derzeit in einer großen Gruppenausstellung präsentiert. Galerist Detlev Peters hat den Künstler auf dem Kunstmarkt der Sächsischen Zeitung Anfang Mai im Dresdner Haus der Presse kennengelernt und war sofort begeistert. „Das bringt gute Energie, wenn die Sachen ankommen“, sagt Lippmann. Peters zeigt Lippmanns Arbeiten auf Messen und will ihm im Sommer eine Einzelschau ausrichten. „Mir ist es lieber, die Bilder sind unterwegs, als dass sie sich im Atelier stapeln“, sagt der Maler. „Hier steht viel Unfertiges rum. Jetzt muss gearbeitet werden!“

 

Arbeiten von Felix Lippmann sind bis 31. Januar in der Gruppenausstellung „Zeitenwende Digger :)“ in derGalerie Bueffelfish in Dresden, Helfenberger Grund 8 A zu sehen. Mi, Do und Fr 14 – 19 Uhr; Sa 11 – 16 Uhr sowie nach telefonischer Anmeldung: 0351/2643107.

erschienen am 10.01.2017 in der Sächsischen Zeitung