Die Erfindung der Landschaft

08. Oktober 2014, Text von Udo Lemke

Gegenden, die man zu kennen meint - der Kunstverein Meißen zeigt Arbeiten von Felix Lippmann

Es ist, als sei gleichsam der Extrakt von Landschaft in ihnen geronnen. Anders gesagt: Sie haben etwas Idealtypisches.Was aber könnte das bei Landschaften, die verschiedener nicht sein könnten, etwa Hochgebirge und Mittelgebirgsvorland, sein?

Vielleicht könnte man es mit dem Wort Stimmung auf den Begriff bringen. Damit wäre man bei der (deutschen) Romantik. Deren Landschaften, man denke nur an Caspar David Friedrich oder Ernst Ferdinand Oehme, sind nie nur reine topographische Bestandsaufnahme oder erfundene Komposition, sie sind immer auch Seelenlandschaften, die Einblick in das Gemüt des Malers geben. Man könnte ein Gedankenexperiment anstellen und behaupten, dass die Romantiker, würden sie heute malen, so malen würden wie Felix Lippmann.

Notizen in der Natur

Der 1982 in Dresden geborene Maler findet seine Motive seltener in großartigen Alpen Panoramen als vor der Haustür in Dresden Plauen, wo er in der ehemaligen Bienert Mühle ein Atelier hat. „Die Region hinter Nickern, Kreischa und Dippoldiswalde fasziniert mich. Das ist eine spektakuläre Landschaft, die nicht gewürdigt wird. Die Leute, die dort leben, sehen sie nicht, sie sind alle auf Sightseeing aus, anstatt einfach einmal am Stadtrand loszugehen.“

Felix Lippmann geht los, einer besonderen Gnade eingedenk: „Es ist ein Glücksfall, dass ich diese friedlichen Momente der Landschaft erleben darf.“ Anders ausgedrückt: „Ich kann nicht aus den Problemen der Welt schöpfen.“ Dem entspricht, dass den Maler die Darstellung der menschlichen Figur (derzeit) nicht interessiert. Geht er in die Landschaft, dann mal er sie nie. Er macht sich gleichsam Notizen in Form von Zeichnungen, aus denen dann im Atelier das Bild entsteht. So wie das Triptychon „Willisch“, das er 2012 begonnen und in diesem Jahr beendet hat. Mehr als drei Meter lang und fast einen Meter hoch ist es nicht die konkrete Darstellung der Basalt Kuppe im Osterzgebirge, sondern die „Zusammenfassung, die Konzentration, die Essenz vieler verschiedener Stimmungen“. In diesem Sinne steht das Bild für die Erfindung der Landschaft. Im Falle des Willisch ist diese Erfindung vor allem grün. Die Palette reicht vom warmen Grasgrün über gedecktes Lindgrün bis hin zum grauen Blassgrün und dem fast blauen Jägergrün. „Grün ist eine undankbare Farbe. So spannend sie ist, so sperrig ist sie.“ Das allerdings hat die frei staatlichen Kunstankäufer nicht gehindert das Bild für den sächsischen Landtag zu erwerben. Jetzt ist es noch in Felix Lippmanns Ausstellung „Solo“ in der Galerie des Meißner Kunstvereins im Benno Haus am Markt der Stadt zu sehen.

Die Erfindung der Landschaft ist für Felix Lippmann allerdings nur eine Momentaufnahme. Von hier aus will er auf zwei Wegen weiter gehen. Ein Beispiel für den einen ist im Benno Haus zu sehen. „Am Nickerner Wäldchen 2014 VI“ ist buchstäblich mit dem Bildtitel überschrieben. „Es gibt Bilder, die ich nicht bewältigt habe, dahat mir die Schrift geholfen.“ Auch einige Lithographien, die Graffitischriften an Häuserwänden aufgreifen, gehören in diese Richtung. Wobei Felix Lippmann die Schrift „nicht als etwas Erzählerisches“sieht, sondern als grafisches Element zur Umsetzung einer Bildidee.Für den zweiten Weg bietet die Meißner Ausstellung kein Beispiel. Felix Lippmann will eine Landschaft malen, die aus vier Teilen besteht. Der Besitzer des Bildes soll die vier Teile nach seinem Gusto kombinieren können. Das wäre dann der Schritt von der Erfindung der Landschaft durch den Maler hin zur Konstruktion der Landschaft durch den Betrachter.

Der Meißner Kunstverein hat in diesem Jahr ein großes Pensum bewältigt. Nebenzwei Ausstellungen in der Evangelischen Akademie und der großen „Zündblättchen“Schau auf der Albrechtsburg folgt im November mit „Schonung“, die Jahresendausstellung mit Künstlern und Gästen im Benno Haus. „Solo“ ist die fünfte Ausstellung in seiner Galerie.Als „Arbeiten aus ganz einfachen Dingen heraus“, hat Felix Lippmann sein Schaffen charakterisiert. Sehr einnehmende Ergebnisse dieses Arbeitens zeigt die Meißner Schau.

 

Felix Lippmann „Solo“, bis 8. November, Kunstverein Meißen, Markt 9, 01662 Meißen, dienstags bis freitags 11bis 18 Uhr, samstags 10 bis 15 Uhr

 

Quelle: Sächische Zeitung vom 08. Oktober 2014, Text: Udo Lemke