Einzelausstellung "Vertrautes Land" 2012

19. März 2012, Text von Daniela Günther, M. A.

... als Felix Lippmann 2009 gerade sein Studium an der Hochschule abgeschlossen hatte und Meisterschüler bei Prof. Elke Hopfe geworden war, durfte ich schon einmal über seine Arbeiten sprechen. Damals hielt ich die Eröffnungsrede zu einer Gemeinschaftsausstellung mit zwei Künstlerkollegen und ich erinnere mich, wie die Rede damit beendete, dass ich sagte, seine Arbeiten würden mich „erwartungsvoll schauen lassen, wohin ihn sein Weg führen wird“. Nun weiß ich, er führte ihn in ein vertrautes Land und ich freue mich,  ihm heute im Rahmen seiner ersten Personalausstellung mit Ihnen gemeinsam dorthin zu folgen.

Es ist auch nicht fern, der Weg ist nicht weit. Felix Lippmanns vertrautes Land ist nur ein - zwei Straßenecken entfernt – und doch ist es weniger ein bestimmter Ort als ein Gefühl,  das ihm mehr gibt, als ihn die Sehnsucht nach Unbekanntem reizen könnte. Das Wissen, dass er sicheren Fußes geht, hat seinen Blick geschärft statt ihn zu trüben. Er schaut ganz bewusst, begegnet auch hundertfach Gesehenem immer wieder wachen und kritisch reflektierenden Auges. So vermag er es, dem Vertrauten stets neue, noch unbekannte Töne abzulauschen, so eröffnen sich ihm feine Raum-, Struktur- und Farbwelten, deren Stimmungen er in sich aufnimmt, bis sie ihre künstlerische Entsprechung finden.  Tatsächlich schöpft er aus dem, was Anderen im Vertrauten verborgen bleibt.

Schon 2009 faszinierte mich seine Fähigkeit, aus dem Einfachen heraus, zu Tieferem vorzudringen oder anderes gesagt (Zitat Konrad Adenauer): „Die Dinge so tief zu sehen, dass sie einfach werden.“ Damals war es etwa seine Katze, deren munteres Balgen in der kraftvollen, spröden und gänzlich auf die Kreatur und dessen Bewegung reduzierten Arbeit „Beim Spielen“ mündete. Bereits zu diesem Zeitpunkt galt sein Interesse ganz dem richtigen Maß zwischen Linie und Form, Fläche und Raum, Fülle und Leere. Merkte man seinen Arbeiten zu dieser Zeit noch an, wie viel Kraft ihn dieser Prozess des Abwägens kostete, so ist aus dem Kämpfen heute ein freudiges Ringen geworden, das er mit viel Spontanität angeht und  - mit mehr Freiheit. 

Nach der Beendigung des Studiums hat er diese Freiheit in der Ateliergemeinschaft mit dem Künstler Lutz Bleidorn gefunden, mit dem er gemeinsam ein neues Atelier auf dem Gelände der Bienertmühle in Dresden-Plauen bezogen hat. Die naturnahe Lage dieses kulturträchtigen Ortes, der ihm mit seinen guckkastenartigen Fenstern Ausblicke in eine ihn immer wieder faszinierende Stadtlandschaft bietet, ermöglicht ihm ein Arbeiten ganz nach seiner Façon und Gangart– auch direkt vor der Natur und unter freiem Himmel. Hier kann er seinen Blickwinkel selbst bestimmen, auch mal „ohne Kopf“ arbeiten, wie er sagt, sich mit Hilfe alter Lithografien aus Studientagen Neues erschließen und Seelenzustände im Selbstbildnis reflektieren – wenn nötig auch in Serie. Immer häufiger findet er die Kraft und Ruhe, seine Wahrnehmung des eigenen Lebensumfeldes sowie Empfindungen zu Themen, die ihn in diesem Zusammenhang bewegen (Lebensmittelindustrie, Massentierhaltung), im Bildraum zu ordnen und so „etwas Ordnung in sich selbst zu schaffen“ (W. De Kooning). Der Alltag wird Bild, das Bild Alltag, von Alltäglichkeiten jedoch kann keine Rede sein, denn auf der Leinwand will das Vertraute immer wieder neu erobert werden, von ausgetretenen Pfaden keine Spur. Nirgends.

Wer Bilder finden will, muss Antworten auf vielen Fragen suchen. Etwa auf Fragen wie: Was ist vorn, was ist hinten und was geschieht dazwischen, wohin gehen Bewegungen, welche Bildelemente sind eigenständig und dem Bild zuträglich, welche nicht? Oft arbeitet Felix Lippmann an einem Bild über Wochen hinweg, zweifelt und verwirft, fasst wieder Mut und erschafft neu, er ringt um Antworten, die es nicht immer gibt. Für die Arbeiten „Plauener Blick I/II“, „Atelierausblick II/III“, „Plauener Wildnis“, „Hinterhof I“ hat er sie gefunden. Mit schneller Geste und einem feinen, intuitiven Farbgefühl formuliert er auf der Leinwand, schafft stimmungsvolle Räume neben spannungsvollen Flächen und so Punkte, wo das Auge Halt findet und Strukturen, in denen es sich verliert. Sicher bewegt er sich zwischen unterschiedlichen Ebenen und Farbschichten, zwischen eng und weit, pastos und hauchzart, konkret und abstrakt und gelangt durch die Überwindung ihrer Gegensätze zu einer gesteigerten assoziativen Wahrnehmung. Dies gilt auch für seine Zeichnungen, die erst in diesem Winter auf Papier entstanden als es zu kalt war für Öl auf Leinwand und wohl auch für ihn selbst eine Überraschung bedeuteten. Nur durch die Variation des Kohlestriches, durch Verwischen und Verdichten der Linie gelingt es ihm, das zu eruieren, was ihm gültig erscheint und verwaiste Spiel- und Hinterhöfe ein Stück weit zu unheimlich vertrauten Orten zu machen. Diese Zeichnungen stehen ganz klar in einem sehr engen Zusammenhang mit seinen Ölbildern, behaupten sich jedoch so eigenständig neben ihnen, dass sie vielleicht den Beginn eines neuen Weges auf vertrautem Land markieren...