#FACTS

28. Mai 2017, Text von Tobias Kunz

Felix Lippmann präsentiert mit seiner Ausstellung #facts neue Aspekte innerhalb seines
künstlerischen Schaffens. So fallen dem Betrachter, aber auch dem Kenner seiner
bisherigen Reihen wie paint it black oder step outside, unmittelbar die intensiven dichten
Farben der Werke auf, welche nahezu haptisch in den Raum hineinwirken.
Darüber hinaus sind die Arbeiten ungewohnt bunter und kontrastreicher, wodurch sie
heterogener werden. Farbe ist für Felix Lippmann das wichtigste Element, denn sie kann
alles ausdrücken oder um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: „Mich zieht‘s in die
Farbe.“
Diese Begeisterung rührt von seinen Ursprüngen her, welche in der Landschafsmalerei
liegen, wobei ihn stets die Farben der Natur fasziniert haben, welche in die Werke
übernommen und verstärkt werden. Sie können daher als ersten Fakt, als kraftvolle
Aussage verstanden werden, die eine Auseinandersetzung mit dem Werk ermöglichen.
Auch eine ungewöhnliche Formsprache überrascht den Betrachter, stellen doch große
miteinander agierende Flächen einen Bruch mit bisherigen homogenen Bildtraditionen
dar. In gewisser Weise besitzt Felix Lippmann Mut zur Frechheit, denn dadurch muss das
Offensichtliche durch das vermeintlich Störende neu betrachtet, gar neu übersetzt werden,
wodurch die Bilder freier werden.
Dies ist nichts Geringeres als die Suche nach einer Übersetzung, hin zu einer einheitlichen
Formsprache, welche gewissermaßen universell verständlich sein soll. Dabei verbindet er
bekannte Elemente miteinander und setzt sie so in einen neuen Kontext, wobei allen
Bildern gemein ist, dass ihnen ein Spagat zwischen ambivalenten Motiven wie Natur und
Urbanität gelingt.
So vereint beispielsweise das Werk kurz vor grün Landschaftsmalerei mit Fragmenten
der Street Art, wobei ebenmäßige aber auch irritierende Farben und Formen den
Betrachter zwingen, das Werk unter verschiedenen Aspekten zu betrachten.
Das lateinische Wort factum hält neben seinen zahlreichen Deutungen wie Fakt oder
Tatsache, auch die Übersetzung Werk parat und die Werke Felix Lippmanns sind in ihrer
Gesamtheit vor allem eines: persönlich („So wie ich lebe, so sind auch meine Bilder.“).
Die Ausstellung #facts ist also nichts Geringeres als die Fakten seiner aktuellen
Auseinandersetzungen und letztlich somit auch die der Betrachtenden. Kunst war, ist und
wird immer auch ein gesellschaftlicher Spiegel ihrer Gegenwart sein. In Zeiten von
Brexit, Le Pen, Pegida und Trump sieht man sich einem aufkeimenden Populismus
ausgesetzt, welchem man mit einer gewissen Fassungslosigkeit gegenübersteht. Plötzlich
werden Begriffe wie alternativen Fakten, Hate Speech und Fake News gebräuchlich.
Mit Hashtags versehen verteilen sie sich in den sozialen Medien in einem Tempo und
einer vermeintlichen Selbstverständlichkeit, dass man kaum noch zwischen Wahrheit und
Lüge unterscheiden kann. Es fällt immer schwerer eine Antwort darauf zu finden, auch
weil vermeintlich unumstößliche Grundwerte ins Wanken gekommen sind und die eigene
Realität von der offensichtlichen Lüge attackiert wird.
Felix Lippmann möchte dieser Entwicklung mit seinen Werken etwas Wahrhaftiges,
etwas Aufrichtiges entgegensetzen, gewissermaßen Kunst als unumstößlicher Fakt. Die
unumgängliche Auseinandersetzung mit den Bildern ist dabei durchaus gewollt und sie
sollen auch als Diskursobjekt verstanden werden. So finden auch die sozialkritischen
Elemente der Street Art, der Sprache der Straße, Eingang in die aktuellen Werke wie done
oder fourpointeight.
Die Verknüpfung verschiedener Stile und Sujets zu einem Gesamtkontext stellt dabei die
eigentliche außergewöhnliche Dimension der Arbeiten dar. So kann beispielsweise das
Werk hashtagtree als Darstellung eines digitalen Phänomens anhand eines natürlichem
Objektes gedeutet werden, denn die zahlreichen alternativen Fakten haben, ähnlich wie
die Äste eines Baumes, einen Stamm, einen wahrhaftigen Fakt, dem sie entwachsen sind.
Doch auch der selbsternannte größte Präsident aller Zeiten, Wahrheiten, welche nach
vorne drängen und nicht länger geschwärzt werden können, einem durchbrechenden
Front National sowie den Hassreden der sogenannten Patriotischen Europäer, welche
ebenso in den sozialen Netzwerken zu lesen, wie montags in der Dresdner Altstadt zu
hören sind, werden dem Betrachter in der Ausstellung begegnen.
Die Vielseitigkeit der in der Ausstellung behandelten Motive steht gleichermaßen für die
unfassbar schnell wechselnden Themen innerhalb eben jener sozialen Netzwerke. So
lassen sich die Farbcodes beispielsweise in den Werken fourpointeight und done als
mögliche Übersetzung in die digitalen Medien verstehen.
Letzteres mag in seiner Quintessenz wohl den Höhepunkt der angestrebten Findung einer
einheitlichen Formsprache markieren, vereint es doch Landschaft mit Urbanität, Sprache
mit Fläche, das Digitale mit dem Analogem.
Obwohl alle Werke unterschiedliche Stile besitzen und diverse Themen bearbeiten, eint
alle jedoch eine auf den ersten Blick nicht zu erkennende Allgemeingültigkeit. Sie sind
gewissermaßen vielfältig einheitlich, so wie auch die Person Felix Lippmann.